Mikrofonierung der Stimme im Tonstudio
Leitfaden für die Mikrofonierung der Stimme im Tonstudio.

„Lass Dich nicht von der Vorstellung einschränken, dass es nur einen einzigen Weg gibt, eine menschliche Stimme aufzunehmen.“ Der Toningenieur und Produzent Gary Baldassari aus Florida hat sein ganzes Leben im Aufnahmestudio und hinter den Reglern verbracht und berühmte Sprecher für das Disney-Imperium aufgenommen, aber auch Künstler wie Whitney Houston, Manhattan Transfer und andere renommierte Sänger haben Garys kompetente Hände durchlaufen.
Frontale Nahmikrofonierung
Die gängigste Methode, eine menschliche Stimme für beliebige Zwecke aufzunehmen, ist die Technik der direkten, axialen Nahmikrofonierung. Dies wird gemeinhin als „in your face“ bezeichnet. Diese Methode hat eine Reihe von Vorteilen: einen intimen Klang, eine gute Artikulation der Konsonanten, einen präsenten oder prägnanten Klang und die Wärme der Nahmikrofonierung. Sie kann aber auch einige Nachteile mit sich bringen: die Notwendigkeit der De-Essing-Bearbeitung, Poppgeräusche, mangelnde Tiefe und das Fehlen eines natürlichen Raumklangs.
Wie nah das Mikrofon genau am Mund platziert wird, sollte für jeden Sänger individuell festgelegt werden. Achte auf das Gleichgewicht zwischen den Vorteilen und den Nachteilen und verschiebe das Mikrofon entsprechend. Der Ausgangspunkt kann etwa 10 cm vom Mund entfernt direkt auf der Achse liegen. Du kannst es sogar um bis zu 90° abwinkeln, um störende Klangkomponenten zu glätten. Damit dies funktioniert, muss das Mikrofon in seiner Off-Axis-Charakteristik sehr transparent sein. Bewege das Mikrofon während der Probe etwa 5 bis 15 cm näher an den Mund heran- und wieder weg und achte auf den Nahbesprechungs-Wärmeeffekt, der die Helligkeit der Konsonanten ausgleicht. Bei Nahbesprechung des Mundes sollte immer ein Poppschutz verwendet werden.
Freie Mikrofonplatzierung frontal
Eine weniger verbreitete Technik ist die freie Platzierung vor dem Mund. Die meisten Mikrofone können aufgrund ihres ungleichmäßigen Off-Axis-Verhaltens nicht auf diese Weise eingesetzt werden. Ein Mikrofon mit gleichmäßigem Off-Axis-Verhalten kann bei dieser Platzierungstechnik jedoch hervorragende Ergebnisse liefern, wenn der Aufnahmeraum über eine gewisse akustische Qualität verfügt. Ein Vorteil ist der natürliche Raumklang. Das Gleichgewicht zwischen Stimme und Raum wird durch den Abstand zum Mund und die Position des Darstellers im Raum bestimmt. Jeder Raum hat seine guten Stellen - achte auf eine kurze Nachhallzeit (0,9 ms oder weniger). Ein guter Ausgangspunkt für diese Technik ist etwa 30 cm vom Mund entfernt. Bewege das Mikrofon näher heran und weiter weg, während der Performer probt, und achte auf die klangliche Balance zwischen Stimme und Raum. Der Raumklang sollte nicht zu stark werden, da er sich später nur schwer reduzieren lässt. Indem Du ein wenig Raumklang mit der Stimme einfängst, entsteht ein natürlicherer und vergleichsweise unüblicher Klang.
Diese Technik verleiht der Erzählung natürliche Tiefe und eignet sich für Szenen, in denen der Sprecher nicht „direkt vor Dir“ steht. Du wirst feststellen, dass der Bedarf an De-Essing und Filtern im Tieftonbereich geringer ist. Die Wärme der Nahmikrofonierung wird durch ein natürliches Raumklangbild ersetzt, was in heutigen Aufnahmen wiederum eher selten ist. Die aufgenommene natürliche Tiefe hat die Kraft, den Zuhörer in die Aufnahme hineinzuziehen, anstatt ihn in seinem Sessel zurückzuwerfen. Damit hast Du einen weiteren Trick in Deinem Toningenieur-Repertoire.
Mikrofonplatzierung oben am Kopf
Manchmal erzielen die direkten, auf die Achse ausgerichteten Techniken „Close“ und „Loose“ nicht die gewünschten Effekte. Dann beginnen kreative Aufnahmeteams, Neuland zu erkunden. Zunächst benötigt man ein Mikrofon mit einem extrem klaren Off-Axis-Ansprechverhalten. Indem das Mikrofon vom Nasenbereich nach oben bewegt wird, lässt sich eine andere Mischung aus „Direktaufnahme und Raumklang“ erzielen. Wenn der Sprecher sehr kehlig atmet und/oder viele Poppgeräusche erzeugt oder ein sehr starkes „S“ hat, solltest Du diese „hoch am Kopf“-Technik ausprobieren.
Auch wenn der Künstler sehr diafragmatisch spricht und durch den Nahbesprechungseffekt zu viel Körperschall erzeugt, solltest Du diese Technik ausprobieren. Der menschliche Kopf ist ein nasaler Resonator; versuche, die direkte Achse des Mikrofons auf die Nasenhöhle zu richten, direkt über der Augenbraue. Während der Darsteller probt, ändere den Winkel von direkt auf der Achse auf 45° nach unten und sogar 45° nach oben. Du kannst es sogar über den Kopf richten – Du weißt nicht, was funktionieren kann, wenn Du es nicht ausprobierst.
Löse Dich von der Vorstellung, dass es nur einen Weg gibt, eine menschliche Stimme aufzunehmen, nämlich mit dem Mikrofon direkt auf den Mund gerichtet. Wenn das Mikrofon hinsichtlich der Off-Axis-Charakteristik ein gewisses Qualitätsniveau aufweist, kannst Du ganz neue Perspektiven entdecken und in Deine tägliche Technik einfließen lassen. Manchmal kann das Mikrofon über dem Kopf positioniert werden, nach unten gerichtet und von der Sprechstimme weg.
Platzierung des Mikrofons im unteren Brustbereich
Eine weitere Technik, die man lernen kann, ist die Platzierung am Zwerchfell. Diese Art der Platzierung lässt sich nicht ohne Weiteres anwenden, wenn ein herkömmlicher Notenständer im Weg ist. Der Grund dafür ist, dass der Notenständer selbst die Ausrichtung des Mikrofons auf den Brustkorb behindert und Reflexionen vom Notenständer die Stimme verfälschen. Hochmoderne, resonanzarme Notenständer oder solche mit Gitterkonstruktion beseitigen dieses Problem. Wenn das Skript nur ein oder zwei Seiten umfasst oder auswendig gelernt wurde, solltest Du diese Technik ausprobieren. Das Ergebnis ist eine natürliche, zwerchfellgestützte Wärme.
Beginne mit dem Mikrofon etwa 30 cm vom Mund entfernt, tief und in der Mitte des Brustkorbs. Versuche, es um 45° nach oben und unten zu neigen, während der Sprecher probt. Achte auf die Balance zwischen der Artikulation der Konsonanten und dem rollenden Klang im unteren Mittenbereich, den die menschliche Bruskammer erzeugt. Meistens erhältst Du so einen sehr vollmundigen Klang, der sich wiederum von dem „aggressiven“ Klang unterscheidet, den die meisten Toningenieure entdecken und produzieren. Ein guter Grund für diese Technik ist, wenn der Sprecher ein extrem starkes „S“ hat, wirklich poppt oder sehr nasal spricht.


